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Interview mit Laurant Birfuoré Dabiré, Bischof von Dori

 

Am 26. Januar 2016 besuchte Bischof Laurant Birfuoré Dabiré die Geschäftsstelle MISEREORs in Aachen. In einem Gespräch mit Johannes Schaaf, Referent für Projektpartnerschaften, äußerte er sich zur Lage seines Bistums, zur Arbeit der „Union Fraternelle des Croyants de Dori“ (Geschwisterliche Union der Gläubigen von Dori – UFC) sowie zur allgemeinen gesellschaftlichen und politischen Situation in Burkina Faso.

 

> Am 5. Januar hat es erstmals in Burkina Faso einen Terroranschlag durch Islamisten gegeben, bei dem 13 Menschen starben und mehrere zum Teil schwer verletzt wurden. Wie haben die Menschen in Burkina Faso auf den Anschlag reagiert? Gibt es jetzt nicht Befürchtungen, dass das bisher friedliche Zusammenleben der verschiedenen Religionsgemeinschaften und Ethnien in Gefahr geraten könnte?

 

 

Landesweit haben hohe islamische Geistliche und bekannte Muslime umgehend in verschiedenen Stellungnahmen unmissverständlich klargestellt, dass Terroranschläge radikaler Islamisten nicht ihr Ziel erreichen werden, die burkinische Gesellschaft zu spalten und religiöse Konflikte auszulösen. Es käme gerade jetzt darauf an, dass alle Ethnien und Glaubensgemeinschaften zusammenstünden und sich nicht vom friedlichen Zusammenleben abbringen ließen. ... Im Übrigen darf man nicht vergessen, dass in den Ländern, in denen der islamistische Terror wütet, Muslime genauso darunter leiden wie alle anderen Bevölkerungsgruppen. Eine Gefahr ist allerdings die Perspektivlosigkeit vieler junger Menschen. Wenn dieses Problem nicht gelöst wird, kann dies auf längere Sicht dazu führen, dass radikale Ideologien an Einfluss gewinnen. ...

> Was kann man denn über Stellungnahmen hinaus konkret dafür tun, dass sich die burkinische Bevölkerung auch im Falle weiterer Terroranschläge nicht auseinander dividieren lässt?

 

In Dori besuchen sich Christen und Muslime gegenseitig bei ihren großen Festen. So hat z.B. der Grand Imam an der Osternacht in unserer Kathedrale teilgenommen, und schon mein Vorgänger als Bischof war etwa beim Opferfest, dem höchsten Feiertag der Muslime, zugegen. Und wenn ich verreise, vor allem ins Ausland, kommt der Grand Imam zu mir insBischofshaus, um mir viel Glück zu wünschen.... Uns ist bewusst, dass wir nur auf verschiedene Weise zu dem ein und selben Gott beten. Dabei können wir uns ihm nur annähern, ihn nie aber in seinem ganzen Wesen erfassen. Wer seine Gottesvorstellung für vollkommen und allein selig machend hält, wird zum Fundamentalisten und potentiellen Gewalttäter. Umso wichtiger ist es, dass führende Vertreter und Vertreterinnen der Religionsgemeinschaften durch einen verständnisvollen, toleranten Umgang miteinander eine Vorbildfunktion für die Bevölkerung übernehmen. ...

Zum nachhaltigen Symbol für religiöse Toleranz und aktive Friedensarbeit ist die Friedenskarawane der UFC Dori durch den Norden Burkina Fasos und die Nachbarländer Niger und Mali im Jahre 2009 geworden. ... Mit dem Friedenszentrum „Dudal Jam“ hat die UFC 2011 eine dauerhafte Einrichtung geschaffen, wo sich besonders junge Menschen verschiedener Religionszugehörigkeit begegnen und die jeweils andere Religion kennen lernen können. Ein großes Problem ist nämlich, dass die meisten wenig oder gar nichts von den Religionen wissen, denen sie selbst nicht angehören. Aber auch über die eigene Religion ist das Wissen oft gering.

 

In der Region Dori gibt es bei etwa 700.000 Einwohnern gut 30.000 Flüchtlinge aus Mali. Von vielen ist befürchtet worden, dass sie vor allem deshalb zu einem Problem für das Zusammenleben der einheimischen Bevölkerung werden könnten, weil sie einen wenig toleranten Islam mitgebracht hätten.

 

Das haben wir auch geglaubt, doch die Befürchtungen haben sich bisher kaum bestätigt. ... Doch Burkina Faso gehört zu den ärmsten Ländern der Erde und ist bei der Betreuung der Flüchtlinge vollkommen auf ausländische Hilfe angewiesen. Erschwerend kommt hinzu, dass die meisten dieser Menschen Halbnomaden sind und ihre Tiere mitgebracht haben. Die UNHCR (Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen) musste aber ihre Mittelzuwendung drastisch kürzen, weil die Staatengemeinschaft ihr weniger Geld zur Verfügung stellt. So ist inzwischen die Ernährungslage in den Lagern so problematisch, dass einige Flüchtlinge versuchen wollen, nach Europa zu kommen.

 

> Gibt es in den über 40 Jahren Zusammenarbeit von Christen und Muslimen in der UFC Dinge, die die beiden Religionsgemeinschaften voneinander gelernt haben?

 

... Inspirierend für uns Christen ist das Selbstbewusstsein ohne demonstratives Überlegenheitsgefühl, mit dem die hiesigen Muslime ihren Glauben leben und nach außen vertreten. Das hat sich auch verstärkend auf unsere eigene Glaubenspraxis ausgewirkt. Anders als bei den Muslimen hat in der katholischen Kirche soziales Engagement bis hin zum Eintreten für grundlegende Menschenrechte eine lange Tradition. Die Zusammenarbeit in der UFC hat die islamische Gemeinschaft in Dori animiert, über das gebotene Almosengeben hinaus eine institutionalisierte Sozialarbeit aufzubauen.

 

> ...Wie schätzen Sie die derzeitige politische Lage und die Zukunftsaussichten in Ihrem Land nach den Wahlen ein?

 

Schon der Wahlkampf ist friedlich verlaufen, obwohl der Ausgang offen war. Und die unterlegenen Kandidaten mit Zéphirin Diabré an der Spitze, der immerhin ein Drittel der Stimmen bekommen hat, haben den Sieg Roch Kaborés sofort anerkannt und ihm gratuliert. Allein dies ist in Afrika leider eher die Ausnahme. In Burkina Faso waren es die ersten wirklich freien und transparenten Wahlen mit zivilen Präsidentschaftskandidaten und Parteien. Auch das hat es in Afrika bisher nicht oft gegeben. Dass die Bevölkerung all dies erreicht hat, macht sie zurecht stolz und gibt ihr Mut. Sie hat nun zum wiederholten Mal die Erfahrung gemacht, nicht ohnmächtig einer kleinen Machtelite ausgeliefert zu sein. ...

 

> Wo sehen Sie die Gründe dafür, das Burkina Faso im Unterschied zu so vielen anderen Staaten in Afrika weitgehend friedlich geblieben ist, …?

 

In Burkina Faso leben seit Langem viele Ethnien, Kulturen und Religionen eng zusammen. Dabei haben die Menschen gelernt, dass sie gerade in einem armen Land mit schwierigen ökologischen Bedingungen besser leben, wenn sie Unterschiede in der Lebenseinstellung akzeptieren und Konflikte friedlich regeln. Hinzu kommt, dass seit jeher die Familie die wichtigste Rolle in unserer Gesellschaft spielt. Sie gilt als der sichere Hafen eines jeden Menschen. Deshalb ist der familiäre Zusammenhalt auch stärker als mögliche negative Einflüsse durch etwa religiöse Unterschiede. Innerfamiliäre Verschiedenheiten in Religion, ethnischer Zugehörigkeit oder politischer Ausrichtung spalten die Familien in aller Regel nicht. Daraus hat sich eine Kultur des Dialogs, der Verhandlungsbereitschaft, der Mäßigung und des Kompromisses entwickelt. ...

 

Dialog und Verhandlung setzen eine gewisse Freiheit bei den Beteiligten voraus. So sind traditionelle Formen der Mitbestimmung entstanden, die auch heute noch vor allem in den Dörfern das Zusammenleben prägen. Insofern gibt es auch Ansätze für die Entwicklung einer demokratischen Staatsform.

 

All diese günstigen Gegebenheiten für eine friedliche Gesellschaft sind jedoch keine Garantie für die Zukunft. Auf die Dauer braucht jede Gesellschaft Entwicklung und ein Mindestmaß an sozialer Gerechtigkeit. Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit bei großen Teilen der Bevölkerung lässt überall den Frieden schnell zerbrechen. Deshalb sind wir als sehr armes Land dankbar für jede Hilfe von außen, doch letztlich sind wir selbst verantwortlich für die weitere Entwicklung unseres Landes.

 

> Welche Akzente müsste Ihrer Ansicht nach die neue Regierung setzen, um Burkina Faso voranzubringen?

 

Ich hielte es für wünschenswert, wenn Präsident Kaboré zumindest einen Teil der Ideen seines Vor-Vorgängers Thomas Sankara aufgreifen würde. „Die einzig wirklich rentable Ressource in unserem Land ist der Mensch. Deshalb müssen wir lernen und hart arbeiten. Nur auf diese Weise haben wir die Möglichkeit, eine gerechte Gesellschaft aufzubauen mit einer guten Zukunft für alle“, war die politische Grundbotschaft Sankaras ...

Sankaras Nachfolger Blaise Campoaré,..., hat dagegen das Hauptaugenmerk auf das schnelle Geld durch Gold-Bergbau gelegt und die Landwirtschaft vernachlässigt. Das hat eine Goldgräbermentalität geschaffen, die sich negativ auf die Arbeitsethik ausgewirkt hat. Wissen und Arbeit waren weniger wichtig geworden. Dabei ist von den Gewinnen kaum etwas im Land geblieben,... Deshalb hoffe ich, dass die neue Regierung mehr auf Bildung und eine langfristig angelegte Wirtschaftsentwicklung setzt und dabei dem Agrarsektor wieder mehr Gewicht gibt.

SJF/26.01.2016

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